Den Kopf umkrempeln – Design Thinking an der TH Köln

Im Juli fanden sich an der TH Köln 35 Teilnehmer und 6 Coaches zu einer gemeinsamen Mission zusammen: an nur einem Tag einfache Lösungen für komplexe Fragen finden. Die Methode, mit der die fünf Teams dafür arbeiten, wird sich aktuell auf den Fluren der Innovations- und Organisationsentwicklung zugeraunt: Design Thinking. 

Moderne Problem-Pioniere

All jene, die Innovationen anpacken müssen, haben es zuerst verstanden: nur, wer den Nutzer im Blick behält, kann dessen Probleme lösen. Design Thinking leitet genau dies in greifbare Bahnen. Die Welt dreht sich immer schneller. Nur wer in der gleichen Geschwindigkeit Probleme erkennen und lösen kann, schafft es, die Unternehmenswelt von morgen sinnvoll zu gestalten. „Fragestellungen werden in dieser Welt immer komplexer. Lösungen zu entwickeln kann da schnell überfordern. Daher brauchen wir solchen Kompetenzerwerb unbedingt schon in der Hochschule“ berichtet die Professorin Ivonne Preusser.

Früh verlernt sich

„Als ich mit Design Thinking in Kontakt kam, war ich fasziniert vom ganzheitlichen und nutzerzentrierten Denken“ , blickt Ivonne Preusser zurück. Als Professorin für Psychologie war ihr schnell klar:„Ich wollte einfach einen Weg finden, das in der Hochschule zu verankern“. Unterstützung fand sie nicht nur an der TH Köln, sondern auch bei Anna Abelein von Protostart. „Design Thinking muss raus aus der Nische der Innnovationsentwicklung und überall dort ankommen, wo es komplexe Fragestellungen zu lösen gilt und Menschen gut kollaborieren. Je früher in der Ausbildung es verankert wird, desto wirkungsvoller. Weil dieses natürliche Herangehen sonst schrittweise verlernt wird“

Bereits zum zweiten Mal standen die beiden Vorreiterinnen mit Ihrer Initiative im Juli 2017 vor 35 neugierigen Gesichtern aus Studium, Lehre und Wirtschaft in der TH Köln. Im Rücken: die volle Unterstützung von Institut und Fakultät. Es konnte losgehen.

Schritt 1: Zum Verstehen raus in die Welt

Wer hat eigentlich das Problem?

Anstatt Lösungen für Probleme zu entwickeln, geht es im Design Thinking darum, Lösungen für Menschen zu entwickeln. Daher nähert man sich zunächst genau diesem Menschen: dem zukünftigen Nutzer der Lösung. Eine Methode, mit der Design Thinking das veraltete Zielgruppen-Denken aufbricht, ist das empathische Herantasten an den Nutzer über die „Persona“. Anstelle der Zielgruppe „Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel“ heißt es dann: „Gestatten, Markus, 45. Ich pendele. Und zwar morgens am liebsten in Stille.“

Raus autsch der Komfort-Zone

Der Nutzer ist nicht zu verwechseln mit dem Bild des Nutzers, das man im Kopf hat. Kennenlernen ist im Design Thinking unerlässlich. Daher schwärmten alle Teams aus der TH Köln aus, um in der echten Welt Menschen mit diesen Problemen zu finden. „Das ist ja erst mal unangenehm, einfach jemanden anzusprechen. War aber gleichzeitig für mich die größte Erkenntnis“, berichtet die Studentin Jagoda. „Obwohl Einige zunächst gar keine Auskunft gebe n wollten, haben uns dieselben Personen nach kurzer Zeit umfassende Einblicke in ihr Leben gegeben.“ Probleme wirklich nah am Nutzer zu lösen, zeigte sich damit für viele Teilnehmer einfacher, als zunächst vermutet. 

Schritt 2: Ideen sprudeln lassen und einfangen

Das Ziel ist das Ziel

Das Vorgehen von Design Thinking folgt einer klar zielführenden Logik: am Ende steht eine Lösung. Von vornherein fallengelassen wird die Vorstellung der perfekten Lösung. Die Lösung muss einfach nur das sein: eine Lösung. Bereit zum späteren Testen und Anpassen. „Das hat etwas sehr Erleichterndes: Egal, was heute passiert, am Ende steht eine Lösung. Ein Gefühl von Überforderung kommt so gar nicht auf“, berichtet die Teilnehmerin Maria von der Wirkung dieses zielführenden Vorgehens.

Und tatsächlich: Der Raum für Ideen wird ganz weit aufgemacht. Erst in einem zweiten Schritt geht es mit dem Coach wieder durch die Phase des Aussiebens. Welche Ideen finden breite Zustimmung? Welchen werden die größten Erfolgs-Chancen eingeräumt?

Zauberwürfel der Problemlösung

Die Teilnehmerin Maria berichtet: „Wirklich bereichernd war in einem ersten Schritt schon die interdisziplinäre Zusammenkunft der Teilnehmer“ Und in einem zweiten Schritt? „Das Erleben in Wirksamkeit“ schießt Maria direkt hervor. Unterschiedliche Menschen in Aktion zu erleben, bringt in interdisziplinär zusammengesetzten Gruppen schnell neue Einsichten. Das zeigt, wie wichtig es ist, auch im Berufsalltag Abteilungsgrenzen für Problemlösungen zu verwischen. Aufbrechen, um neu zusammen zu setzen hat im Design Thinking Methode. „Wie beim Zauberwürfel. Zerstören, um aufbauen zu können“, fühlt sich Maria erinnert.

Schritt 3: Lösungen zum Anfassen

Im Eiltempo verschwimmt Unwichtiges 

In den Workshop-Räumen gilt derweil: immer wieder muss es schnell gehen. „Das enge Timeboxing war perfekt“, berichtet Amélie, die selbst an der TH Köln lehrt. „So blieb der Prozess immer in klaren Bahnen und ging voran. Auch die gewisse Strenge der Coaches half genau dabei entscheidend“. Also standen am Ende des Tages tatsächlich fünf Teams mit Lösungen im Kopf und auf Post-Its in der TH Köln. Ein ungewohntes Bild für Räume, deren sonst so weiße Strenge auf einmal wirkt wie farbcodierter Spielplatz für Ideen.

Die Lösung fühlt sich flauschig an

In einem letzten Schritt geht es darum, die Lösungen vom Kopf in die echte Welt zu übertragen. „Prototyping“ heißt diese Phase im Design Thinking. Basteln, Malen, mit Lego bauen: hier gibt es keine Beschränkungen. Hauptsache, die Lösung wird greifbarer als zuvor in der Ideenphase. So entstehen an der TH Köln an diesem Nachmittag Apps als Papier-Screenshots und interaktive Schreibtische aus Pappkarton und Pfeiffenputzer-Draht.

Greifbarer Nutzen

„Solange die Idee nur im Kopf existiert, kann noch jeder seine eigene Vorstellung davon haben. Anhand des Prototypen-Baus wird noch einmal viel im Team ausgehandelt“, beschreibt Design-Thinking Coach Anna Abelein ihre Erfahrungen aus der Praxis. „Auch der Nutzer rückt noch einmal stark in den Blick. Weil das Team verhandelt, welche Fragen er sich stellen wird und Hürden erkennt und abbaut“. Und nicht zuletzt macht der Prototyp eines der wichtigsten Elemente im Design Thinking möglich: das Testen. Denn ob Nutzer die Lösung annehmen, zeigt letztlich nur einer: der Nutzer.

Die Nebenwirkungen von Design Thinking

Als der Tag mit Design Thinking an der TH Köln endet wird klar: das Vorgehen bringt Lösungen hervor. Und Nebenwirkungen. Denn fast nebenbei bauen sich eigene Berührungsängste und Beschränkungen ab. Die Teams und die Menschen, die sie formen, werden immer wagemutiger in ihren Lösungswegen.

„Es geht eigentlich gar nicht um das Thema an sich, sondern um das, was in der Gruppe passiert“, resümiert die Studentin Jadoga. Auf einmal existiert ein angstfreier Raum für inhaltliches Losstürmen, Probieren und Scheitern. „Das nimmt die Schranke im Kopf“, beschreibt Maria die Wirkung. Und es bringt auch die Teams in den Räumlichkeiten der TH Köln innerhalb kürzester Zeit zu Lösungen, die zu Beginn niemand in dieser Zeit für möglich hielt.

Eine echte Zukunftskompetenz.

„Die Studierenden von heute sind die Neuzugänge auf dem Arbeitsmarkt von morgen. Und dessen Anforderungen werden immer praxisnäher und interdisziplinärer“, resümiert die Professorin Ivonne Preusser das Zukunftspotenzial. Design Thinking bietet also einen Kompetenzerwerb, der nah an den Anforderungen einer immer agileren Unternehmenswelt liegt. „Und: nah am Menschen selbst“, legt Preusser nach. Jetzt auch im Herzen der TH Köln.

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